Liebe Leserinnen und Leser,

Als Einleitung dieses Artikels möchte ich mich zuerst vorstellen. Ich bin Sophie, aus Frankreich und Praktikantin bei dem Projekt InteraXion. Ich fange heute eine neue Rubrik auf dem Blog an. Im Rahmen meines Praktikums werde ich regelmäßig ein Projekt vorstellen, das mit dem Willkommenheißen der Neuankommenden, besonders geflüchteten Menschen und Migrant_innen, in Berlin zu tun hat.

Das erste Projekt, das ich Euch vorstellen möchte, ist das berufliche Mentoring Programm vom gemeinnützigen Unternehmen SINGA Deutschland. Ich habe dieses Projekt gewählt, weil SINGA auch in Frankreich existiert. Ich kannte die französische Organisation schon, aber wusste nicht, dass sie international war. Deshalb war ich neugierig und habe Vinzenz Himmighofen eine E-Mail geschrieben, um mit ihm ein Interview zu führen. Vinzenz Himmighofen ist einer der drei Gründer_innen von SINGA Deutschland. Wir haben uns im schönen Betahaus Café im Kreuzberg getroffen.

SINGA ist erstmals im März 2012 in Paris gegründet worden und existiert dank der Zusammenarbeit der drei Berliner Gründer_innen, Vinzenz Himmighofen, Sima Gatea und Luisa Seiler, seit September 2015 auch in Deutschland. Das berufliche Mentoring-Programm haben sie zusammen auf die Beine gestellt. Vinzenz Himmighofen ist dafür derzeit hauptverantwortlich. Das gesamte aktuelle SINGA Deutschland-Team besteht aus zwölf Personen, halb haupt-, halb ehrenamtlich. Darüber hinaus unterstützen viele weitere Menschen das Projekt.

 SINGA1

© Max Power

Kannst du zuerst vielleicht ein bisschen über SINGA Deutschland erzählen?

Es gibt SINGA nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und in anderen Ländern. Die übergeordnete Idee ist, dass wir Räume schaffen für Leute, die neu angekommen sind, und Leute die schon am jeweiligen Ort leben, um so gemeinsam zur Gesellschaft beizutragen. Hier in Berlin machen wir verschiedene Projekte. Eines ist es das berufliche Mentoring Programm, das andere ist das Gründerprogramm Ideas in Motion. Wir haben außerdem ein Sprachcafé in Charlottenburg und unterstützen Personen, die eigene Ideen für Projekte oder Veranstaltungen mitbringen. Das kann wirklich alles Mögliche sein, weil wir nicht immer diejenigen sein möchten, die etwas vorgeben. Am besten ist es, wenn die Ideen von den Menschen kommen, mit denen wir arbeiten.

Es gibt SINGAs in mehreren Ländern. Gibt es ein europäisches Netzwerk?

Ja und Nein, es gibt keine Dachorganisation. Wir sind rechtlich und finanziell voneinander unabhängig. Das lässt viel Freiheit. Auf der anderen Seite arbeiten wir schon zusammen, weil wir ganz stark voneinander lernen. Manchmal gibt es zum Beispiel eine gute Idee in Quebec, die wir auch spannend finden. Wir haben eine App entwickelt, My SINGA. Die nutzen wir, um uns unter den Länderverantwortlichen auszutauschen. Wir treffen uns aber auch regelmäßig. Anfang Juni gibt es ein Treffen von allen SINGAs in Südfrankreich. Wir überlegen dann gemeinsam, was wir in Zukunft zusammen machen möchten.

Lass uns noch ein bisschen über das berufliche Mentoring Programm sprechen. Was hat es damit auf sich?

Die Grundidee des Mentoring Programms ist es, sich im eigenen Berufsfeld zu vernetzen.

»Wir sprechen alle Teilnehmenden, ob geflüchtet oder nicht, erst einmal mit ihren Qualifikationen an, und nicht mit ihrem Status.«

Von einheimischen Kolleg_innen erfährt man sehr viel über den eigenen Berufszweig. Das ist Insider-Wissen, das ich nicht vom Jobcenter oder von irgendeiner Beratungsstelle kriege. Das Programm haben wir mit einer kleineren Gruppe vor mehr als einem Jahr gestartet und sind aktuell in der dritten Runde, die noch bis Ende Juli geht. Das Mentoring dauert offiziell vier Monate. Wir haben insgesamt bereits achtzig Paare über dieses Programm vernetzt. Auf der konzeptionellen Ebene ist für uns das Eins zu Eins besonders wichtig. Da passiert am meisten.

Wie werden die Mentors und Mentees vorbereitet?

Wir bieten ein Training zu Asyl und Arbeit an, also geben vor allem rechtliche Informationen mit. Darüber hinaus vermitteln wir, wie sich die Zeit im Mentoring gut und sinnvoll nutzen lässt. Dabei sprechen wir mit den Teilnehmern_innen viel über Zielsetzung und Kommunikation.

SINGA4

© Max Power

Wie lange dauert dieses Training?

Einen Tag. Wir machen auch noch eine Auftaktveranstaltung mit allen Teilnehmenden. Da geht es vor allem um Teambuilding, weil wir möchten, dass die Leute sich untereinander kennenlernen. Ganz oft gibt es fachliche Überschneidungen zwischen den Pärchen. Die sollten voneinander wissen, denn über die vier Monate gibt es noch andere Möglichkeiten des Austausches als allein im Tandem.

Was bedeutet Teambuilding?

Spielen und kreativ sein. Während des Nachmittags geht es nicht um Mentoring, sondern darum, sich auf eine andere Art und Weise kennenzulernen, nicht so trocken und offiziell. Wir lockern das gerne auf.

Wie habt ihr bemerkt, dass es einen solchen Bedarf gibt?

Leute sind an uns herangetreten und haben uns erklärt, dass es zwar viel offizielle staatliche Unterstützung gibt, aber einige Fragen unbeantwortet bleiben: Wie schreibe ich eine Bewerbung für meinen konkreten Bereich? Was sind die letzten 10 Prozent, die ich brauche, um wirklich erfolgreich zu sein? Welche Informationen gibt es zu meinem Berufsfeld, die ich nur haben kann, wenn ich tatsächlich in der Branche arbeite?

»Was gefehlt hat, ist das Vitamin B. Die Idee eines beruflichen Netzwerks, wo es nur um den eigenen Beruf und Zukunft geht.«

Wie funktioniert das Mentoring konkret?

Wir fangen mit einem Aufruf an und streuen ihn an Geflüchtete, die gern mitmachen möchten, und geben dafür einen Anmeldeschluss vor.

Wie erfahren geflüchtete Menschen von Eurem Angebot?

Durch social media, unser Netzwerk aus Partnerorganisationen, freiwilligen Koordinator_innen in Unterkünften, Jobcentern, eigene Veranstaltungen, Mundpropaganda und andere Kanäle.

Und wie findet ihr Mentor_innen?

Wir arbeiten mit einer Reihe von Unternehmen zusammen. Wir haben zudem verschiedene Netzwerke, die wir in Berlin nutzen, um Mentor_innen zu gewinnen wie die Nachbarschaftsinitiativen, in denen viele engagierte Menschen organisiert sind. Viele Leute die ehrenamtlich tätig sind, haben spannende Berufe. Ich rufe auch Firmen an, die vorher nie etwas von uns gehört haben. Mittlerweile haben wir eine Liste von 200 Mentor_innen, die aus allen möglichen Fachbereichen kommen.

SINGA3© Max Power

Und dann, wenn ihr alle Leute gefunden habt?

Dann nehmen wir uns ein bisschen Zeit, um alle kennenzulernen. Wir laden sofern möglich jeden Mentee ein oder rufen zumindest jede Person einmal an und führen ein gemeinsames Gespräch. In dem versuchen wir herauszufinden, ob das Mentoring Programm in der aktuellen Situation dieser Person überhaupt sinnvoll ist. Meistens ja, aber nicht immer. Es lohnt sich, jede_n zu kontaktieren, weil dieses Gespräch auch Vertrauen aufbaut. Das ist schon essenziell, damit alles funktioniert. Mit den Mentor_innen läuft es ähnlich. Ganz viele sagen sofort ja, aber manchmal es ist nicht so ganz offensichtlich, was das eigentlich bedeutet, und manchmal überschätzen die Leute auch ihre Zeitressourcen und Fähigkeiten. Das Matching machen wir zu dritt. Es ist wie ein Puzzlespiel. Für uns hat die höchste Priorität, dass es fachlich passt. Wenn wir eine Gruppe von Pärchen gefunden haben, sprechen wir nochmal mit den Personen. Dann machen wir einen festen Termin für das Training und es geht los. Unsere Vorbereitung ist so gedacht, dass die Leute hinterher relativ selbständig die Eins-zu-Eins-Treffen machen. Wir stehen für Fragen zur Verfügung, aber wir vertrauen auch darauf, dass alles gut funktioniert. Und darauf, dass die Leute auf uns zukommen, wenn es einmal nicht so läuft.

Wie oft treffen sie sich die Paare? Bringen die Mentor_innen zum Beispiel ihre Mentees mit an ihren Arbeitsplatz?

Wir empfehlen, sich alle ein bis zwei Wochen zu treffen, und das, zumindest am Anfang, an einem neutralen Ort. Wenn man sich kennenlernen will, ist es nicht immer ideal, sich zuhause oder bei der Arbeit zu treffen. Da kann schnell eine Asymmetrie entstehen. Später es ist oft passiert, dass Leute zum Arbeitsplatz mitgenommen worden, und das ist auch in Ordnung, nur eben nicht für den Start.

Was machen die Tandems zusammen? Schreiben sie zum Beispiel zusammen am Lebenslauf?

Ja, Lebenslauf, Interviews üben, zusammen recherchieren. Letzte Woche war ein Pärchen zusammen auf einem Kongress.

Gibt es ein typisches Profil der Mentor_innen?

Nein, wir haben alles dabei, von Ende zwanzig bis Anfang achtzig. Und da sind wir auch sehr froh drüber, weil das für eine sehr diverse Gruppe sorgt.

Gibt es alle Arten von Berufen?

Da sind wir ganz offen. Was wir erwarten, ist, dass Leute entweder irgendeine Form von abgeschlossener Ausbildung haben, oder eine Berufserfahrung, die nachvollziehbar ist. Wir arbeiten nicht mit Zeugnissen, aber wir finden es immer leichter, wenn Leute irgendeinen Nachweis für ihre Erfahrung haben.

SINGA2

© Max Power

Zum Beispiel jemand der in seinem Land als Schneider gearbeitet hat, aber jetzt etwas ganz anderes machen will - kann er dann auch so ganz ohne Ausbildung teilnehmen?

Wir hatten schon Fälle im Programm, die in der Vergangenheit A gemacht haben, sich aber jetzt sehr für B interessieren. Immer, wenn wir den Eindruck hatten, dass es jemand war, der wirklich darüber nachgedacht hatte, haben wir die Person eingeladen.

Und haben die Leute verschiedene Abschlussniveaus?

Wir haben von „Nur Schule“ bis zum Doktorgrad alles im Programm.

Welche Berufe sind am meisten repräsentiert?

Es ist in der Tat viele Mediziner_innen, viel im Ingenieursbereich, Leute, die Erfahrung in der Geschäftsführung haben, Buchhaltung, Selbstständige. Dann haben wir ein Paar Musiker,_innen Übersetzer_innen, Lehrer_innen und Menschenrechtaktivist_innen.

Wir verständigen sich die Tandems? Gibt es Mentor_innen, die Arabisch sprechen?

Es ist schon wichtig, dass die Leute Englisch oder Deutsch können, damit sie in der Gruppe kommunizieren können, aber wir hatten auch schon muttersprachlich arabische Paare.

Gibt es viele Frauen, und Leute, die Kinder haben?

Es gibt deutlich mehr Männer als Frauen, was nicht überrascht, aber wir freuen uns über jede Frau, die sich bewirbt. Wir hatten schon Ehepaare im Programm. Wenn beide teilnehmen, ist es leichter für den Mann und für die Frau dabei zu sein. Schwierig wird es, wenn sie Kinder haben, aber da haben wir immer versucht, Lösungen zu finden. Wir versuchen den Frauenanteil zu erhöhen, aber aus unserer Erfahrungen treiben viele geflüchtete Frauen erst einmal andere Sorgen um als der berufliche Einstieg. Ich denke, dass sich das über die Zeit verändern wird.

Auf Eurer Webseite steht, dass die politische Situation der Geflüchteten euch nicht interessiert, aber könnt ihr mit Personen arbeiten, die noch im Asylprozess sind?

Wir schauen nicht auf den Aufenthaltsstatus. Gleichwohl ist es eine wichtige Information, um die Gesamtsituation besser zu verstehen. Es hat einen großen Einfluss auf die Gestaltung des Mentorings, ob jemand schon anerkannt ist oder nicht. Wir finden es aber in beiden Fälle sinnvoll. Auch für den Fall, dass die Anerkennung erst später kommt, ist das Mentoring wichtig. Es ist eine Zeit, in der Du nicht viel machen kannst oder darfst, aber eine erste berufliche Orientierung geht immer. Das Mentoring ist auch sinnvoll, wenn jemand schon eine Stelle gefunden hat und sein_e Mentor_in begleitet den Berufseinstieg. Wir hatten Leute dabei, die einen Abschiebebescheid bekommen haben. Selbst dann ist das Mentoring gut, weil es hilft, die persönliche Situation zu stabilisieren, mindestens psychisch. Du sitzt nicht mehr nur zuhause und hast Kontakte von außerhalb.

Gibt es manchmal zu viele Bewerbungen?

Ja. Wir haben auf beide Seiten mehr Interessierte, als wir bedienen können. Die einzige Schwierigkeit dabei ist, dass wir manchmal für bestimmte Profile keine gute Passung finden, weil sie sehr speziell sind, oder weil Berlin dafür die falsche Stadt ist. Wir haben hier vielo Dienstleistungsgewerbe, nicht so sehr Industrie.

Gibt es viele Leute, die nach dem Mentoring eine Arbeit oder ein Praktikum finden?

Das passiert! Man kann natürlich nicht immer sagen, dass es nur das Mentoring Programm war. Das ist ein bisschen komplexer, aber in der ersten Runde sind wir mit 21 Paaren gestartet. Nach den vier Monaten hatten vier einen Job bekommen, und acht ein Praktikum, manche haben eine Weiterbildung gemacht, andere angefangen zu studieren. In der zweiten Runde haben auch einige Leute einen Job oder ein Praktikum gefunden. Ich bin selbst überrascht, wie viele das schaffen.

Gibt es Mentor_innen die zwei Runde gemacht haben?

Ja, manche sogar drei. Das freut uns natürlich sehr.

Was bedeutet das Konzept Integration für dich, und für SINGA?

Eigentlich benutzen wir das Wort „Integration“ nicht, weil es für uns am Kern der Sache vorbeigeht. Wenn wir über Integration sprechen, geht es eigentlich immer um Anpassung, und das ist sehr schade.

»Wir denken, dass der erfolgreichste, interessanteste und spannendste Weg ist, sich zu begegnen und zu fragen: Was bringen wir mit? Was können wir zusammen erreichen?«

Diesen Ansatz möchten wir gerne verbreiten. Im Mentoring entscheiden die Paare selbst, was sie voneinander lernen möchten.

 

Wenn Du Dich für SINGA interessierst und vielleicht sogar selbst teilnehmen möchtest, entweder als Mentor_in oder als Mentee, kannst Du ganz einfach das Formular auf SINGAs Webseite ausfüllen (Für Mentees : http://singa-deutschland.com/fragebogen-mentees/ ; für Mentor_innen : http://singa-deutschland.com/fragebogen/). Manchmal dauert es eine Weil, bis ein_e Partner_in gefunden ist, da die Runden nur alle vier Monaten anfangen. Um mehr Informationen zu kriegen oder sich persönlich vorzustellen, kannst Du Dich auch direkt eine Email an Vinzenz Himmighofen schreiben (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).

Um die anderen Aktivitäten von SINGA Deutschland kennenzulernen, schau doch mal auf die Homepage und die Facebook-Seite:

http://singa-deutschland.com

https://www.facebook.com/singadeutschland/?fref=ts.

Dokumente und Downloads

Zusätzliche Informationen und Handreichungen finden sich hier.

Kontakt

Projekt Interaxion

Telefon: 01577 3151 386
E-Mail: interaxion@offensiv91.de

Postadresse

offensiv'91 e.V.
Projekt InteraXion
Hasselwerderstr. 38-40
12439 Berlin

Sprechzeiten

Dienstags (Persisch unterstützt) und donnerstags (Arabisch unterstützt): 14 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung

Besuchsadresse

Villa offensiv
Hasselwerder Str. 38-40
12439 Berlin
Beratungsraum im Erdgeschoss (ausgeschildert)

Go to top