Liebe Leserinnen und Leser,

vor einigen Wochen habe ich eine sehr beeindruckende Frau kennengelernt: Renee Abul-Ella hat Al Dar, eine heute ganz wichtige Organisation für Menschen mit arabischer Herkunft gegründet. Al Dar gibt es in Berlin seit 1984.

Seit dieser Zeit führt sie diese Organisation ehrenamtlich. Sie stellt für jede_n ihre große Erfahrung zur Verfügung. Das macht Al Dar zu einem besonderen Verein mit einem reichen Wissen zu Migration, Flucht und Integration.

Wir haben uns in ihrem Neuköllner Büro getroffen, und haben unter anderem über Religion, Sprache als Ausdruck der Kultur, Erfindung des inneren Friedens und den Umgang mit Unterschieden gesprochen.

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© Pixabay

Können Sie sich ein bisschen vorstellen?

Ich bin Renee Abul-Ella, in Palästina geboren, und habe in Kairo Publizistik studiert. Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich an der Freien Universität Soziologie und Psychologie studiert. Ich wollte nämlich mit Migrant_*nnen und Geflüchteten arbeiten. Ich habe Al Dar 1984 gegründet. Angefangen hat alles als kleine Selbsthilfe Gruppe.

Sie haben die Organisation allein gegründet?

Ja, und ich arbeite bis heute ehrenamtlich.

Wie groß ist Al Dar heute?

Wir haben im Moment 18 Mitarbeiter*innen, von denen sich die meisten zusätzlich ehrenamtlich engagieren. Bei uns ist es eine sehr familiäre Atmosphäre. Unsere Arbeit läuft aber sehr professionell und erfüllt jede deutsche Voraussetzung für Professionalität.

Welche sind die heutigen Aufgaben von Al Dar?

Im Moment ist Al Dar der einzige arabische Verein in der Stadt, der die Zulassung vom Landesjugendamt Berlin zur Durchführung von Familienhilfe hat. Wir arbeiten mit arabischen Familien oder Familien mit arabischer Herkunft egal welcher Nationalität. Al Dar deckt die unterschiedlichen Bereiche im Alltagsleben der Familien ab und macht neben der Familienhilfe auch sehr viel Beratung, bietet Sprachkurse, Computerkurse und viele kulturelle Aktivitäten an.

Ich habe gehört, dass Sie einige wichtige Prinzipien haben...

Ja, eines ist ganz klar: „Die Religion gehört dem Gott, und die Heimat allen“. Es wird bei uns nicht über Religion diskutiert. Das haben wir sehr strikt durchgesetzt. Jetzt ist es selbstverständlich, aber am Anfang mussten wir es sehr autoritär durchsetzen. Außerdem versuchen wir stets, politisch neutral zu sein und nicht die Linie einer bestimmten Regierung oder Partei mit unserer Arbeit zu vermengen.

Religion und Politik müssen draußen bleiben.

Was bringen solche Regeln?

Dadurch können wir es schaffen, dass Menschen aus den arabischen Ländern von Marokko bis Jemen zu uns kommen. Grundsätzlich haben wir Leute von überall. Zu uns kommen Hilfe,- und Beratungssuchende aus den arabischen Ländern. Sunniten, Jesiden, Schiiten, Christen sitzen alle am selben Tisch! Das ist das Ziel, und wir sind sehr stolz darauf, dass uns das gelingt. Wer damit nicht einverstanden ist, kommt nicht zu uns. Damit können wir aber gut leben.

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Was bedeutet es, arabisch zu sein? Wie sehr ist diese Frage mit der Sprache verbunden?

Die Sprache ist hauptverbindend, weil sie ein Ausdruck der Kultur ist.

Hier geht es nicht nur um die Wörter, sondern ihren Gehalt, das, was sie aussagen. Deshalb reden wir von Kultursprache. Die Minderheiten, die im arabischen Kulturraum leben und sich mit dieser Sprache verständigen können, gehören auch dazu.

Sie haben gesagt, dass Al Dar der einzige arabische Jugendhilfeträger ist. Was bedeutet das?

Wir verstehen uns als arabischer Verein. Die Mehrheit der Menschen, die hier arbeiten, sind arabischer Herkunft, auch wenn sie deutsch sind. Es gibt auch Deutsche, die sich für die arabische Sprache und Kultur interessieren. Die Mehrheit hat aber einen Migrationshintergrund. Wir wollten uns von Anfang an spezialisieren. Wir waren der Meinung, dass Frieden mit anderen aus dem Frieden mit sich selbst entsteht. Die Kultur spielt in diesem Prozess eine große Rolle. Der Mensch muss für sich herausfinden, was er von seiner Kultur akzeptieren will, was nicht, was er ändern will und warum... Wenn die Familien Problemen haben, müssen sie zuerst Frieden mit sich selbst finden, und dann können sie ihre Probleme lösen, egal ob selbstgemachte oder aus der Gesellschaft entstandene.

Die deutsche Gesellschaft und Politiker*innen haben den Begriff „Multikulti“ für die Gesellschaft nicht verständlich vermittelt. Ganz am Anfang wurde mir vorgeworfen, dass ich Gettos baue. Ich habe aber geantwortet, dass ich – ganz im Gegenteil - Oasen schaffe. In der Wüste haben die Oasen keine Grenzen. Sie sind ganz offen, und die Menschen gehen nur hin, um Wasser zu tanken. Ein fremder Ort ist wie eine Wüste, zumindest am Anfang.

Menschen brauchen Oasen, wo sie neue Kraft schöpfen können.

Dann können sie weitergehen und die Wüste überqueren, um die Städte und das Grüne zu erreichen.

Welche besonderen Bedürfnisse haben die arabischen Familien, die zu Ihnen kommen?

Das ist ganz unterschiedlich und hat sich über die Zeit hinweg oft verändert. Die Community entwickelt sich. Die Anliegen hängen auch stark damit zusammen, aus welchem arabischen Land die Menschen kommen. Die Beratungsthemen ändern sich deswegen ständig.

Sie kümmern sich auch um geflüchtete Familien. Haben sie besondere Schwierigkeiten?

Die Familien, die wir betreuen, sind eigentlich alle, fast ohne Ausnahme, irgendwann geflüchtet. Auch wenn sie schon in der dritten Generation hier sind. Ihre Großeltern sind aus dem Krieg geflüchtet, und Fluchterfahrungen werden vererbt, auch unbewusst. Die Psyche der Menschen ist davon geprägt. Sie haben ihre Heimatländer nicht freiwillig verlassen, egal ob Libanon, Palästina, Irak, Syrien, Jemen, Sudan: Ob Asylrecht relevant ist oder nicht, interessiert mich nicht. Mich interessiert die Psyche der Menschen, die gezwungen worden, ihre Heimat zu verlassen. Der Unterschied zwischen den Familien, die schon vor 40 Jahren aus dem Libanon gekommen sind, und den Familien, die heute aus Syrien kommen, ist hauptsächlich die neue Gesetzgebung. Vorher waren es ihnen nicht erlaubt, sich zu integrieren. Die Kinder waren nicht schulpflichtig, die Erwachsenen durften nicht arbeiten. Alle Faktoren, die eine Integration fördern, existierten nicht. Geflüchtete, die heutzutage kommen, haben aber ebenso immense Problemen. Ihre Fluchterfahrung ist sehr frisch und ihr Trauma ist omnipräsent. Daran ändern auch Willkommensklassen und Integrationskurse nichts.

Sie haben über Integration gesprochen. Was denken Sie über diesen Begriff?

Wenn ich zwei Kulturen in mir habe, bedeutet es nicht, dass ich nicht integriert bin. Wir arbeiten gleichzeitig an zwei Kulturen. Dabei finden wir viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Das macht es auch leichter, mit vorhandenen Unterschieden umzugehen. Wenn die Sprache des Landes gut beherrscht wird, kann jede Person ganz nach ihren individuellen Fähigkeiten in der Gesellschaft ihren Platz finden. Nicht jede*r wird Kanzler*in, aber alle sollen die Chance haben, sich als wertvoller Teil der Gesellschaft zu begreifen. Das ist für uns Integration.

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Sie beschäftigen sich mit Familien, aber gibt es auch spezielle Angebote nur für Frauen beispielsweise?

Ja, es gibt spezielle Angebote für Frauen, für Männer, für Kinder, und für Jugendliche gemeinsam oder getrennt. Deshalb sagen wir „Familie“.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Wir haben vier Standorte: Neukölln, Wedding, Kreuzberg und Tiergarten. Es gibt bestimmte Tage, bestimmte Zeiten, die explizit für Frauen sind. Dazu gehören auch Sprachkurse. Das sind frauenspezifische Projekte, ansonsten sind sie bei allen anderen Sachen dabei. Am Nachmittag gibt es Angebote für die Kinder. Abends sind die Angebote für die Männer. Auch gemeinsam oder getrennt veranstalten wir sehr oft Ausflüge in Berlin, weil wir wollen, dass die Menschen Berlin kennenlernen. Ansonsten können sie kein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln.

Die Männer, die hierherkommen, können am Anfang nicht arbeiten. Helfen Sie ihnen, einen neuen Platz zu finden?

Ja, wir helfen ihnen, sich in dieser neuen Rolle zurecht zu finden. Oft wird es nicht anerkannt, dass Männer große Probleme damit haben, nicht zu arbeiten. Männer, die vor über dreißig Jahren gekommen sind, durften damals nicht arbeiten. Das hat bis heute Konsequenzen für die Familien. Der Vater fühlt sich nicht respektiert, sein Selbstwertgefühl hat vielleicht großen Schaden genommen. In manchen Fällen drückt sich das in Gewalt in oder Flucht aus der Familie aus. Es ist aber viel schwieriger, mit Männern zu arbeiten, weil sie in der Regel nicht zugeben wollen oder können, dass sie ein Problem haben. Deshalb suchen wir zu Beginn den Zugang zu ihnen über Gruppenaktivitäten. Wir organisieren zum Beispiel gemeinsames Bowling, Fußballturniere oder Veranstaltungen mit ihren Kindern und versuchen ihnen so die Angst zu nehmen. Auch sprechen wir nie direkt über die Probleme der Person, sondern sehr allgemein über Probleme, die daraus entstehen, wenn sich der Mensch plötzlich an eine andere Kultur gewöhnen soll. Jeder ist davon betroffen, aber das wird nicht so thematisiert. Erst viel später suchen einzelne Personen unsere Nähe für eine persönliche Beratung. Dann erst findet das Gespräch getrennt von den anderen statt.

Wie steht es um Vorurteile und Rassismus - haben Sie spezifische Projekte, die sich mit diesen Themen beschäftigen?

Ja, wir hatten ein sehr erfolgreiches Projekt, das drei Jahre lief. Es wurde aber leider nicht weiter finanziert. Wir haben das Projekt in verschiedenen Bezirken parallel geführt, weil wir die Nachbarschaft in jedem Bezirk zusammenbringen wollten. Wir sind nämlich in Bezirken, wo sehr viele Personen mit arabischem Hintergrund leben. Der Fokus war deshalb arabisch-deutsch. Das Projekt war ein kulturell ausgerichtet. Wir haben bei jedem Treffen zu unterschiedlichen Tageszeiten eingeladen: wir haben versucht, so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Es wurde jedes Mal über ein anderes Thema diskutiert, entweder auf Arabisch oder Deutsch. Wir haben zum Beispiel über die Mauer gesprochen. Das ist eine Berliner Frage...

Aber auch arabische...

Ja! Aber das wissen viele nicht.

Es gibt eine Mauer in West Sahara, in Palästina, und die Mauer bedeutet immer das gleiche für die Leute.

Es gibt so viele gemeinsame Erfahrungen. Das war ein „Aha-Erlebnis“ für viele Teilnehmende. Wir hatten auch eine Diskussion über Heilmittel, über Kräuter und die Frage, wie sie in unterschiedlichen Ländern genutzt werden. Das wird ganz unbewusst weitergegeben. Wir haben gelernt: Ganz simple Gemeinsamkeiten bringen Menschen zusammen. Oft wissen sie nur nicht, dass sie existieren.

 

al darHier findest du die Internetseite des Vereins: http://www.al-dar.de/

Wenn Du Lust darauf hast, an diesem Projekt teilzunehmen, kannst du eine E-mail an diese Adresse schicken: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Du kannst gern eine Anschreibung mit deinem Lebenslauf schicken, damit Frau Abul-Ella richtig weiß, warum Du Dich für Al-Dar besonders interessierst!

Dokumente und Downloads

Zusätzliche Informationen und Handreichungen finden sich hier.

Kontakt

Projekt Interaxion

Telefon: 01577 3151 386
E-Mail: interaxion@offensiv91.de

Postadresse

offensiv'91 e.V.
Projekt InteraXion
Hasselwerderstr. 38-40
12439 Berlin

Sprechzeiten

Dienstags (Persisch unterstützt) und donnerstags (Arabisch unterstützt): 14 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung

Besuchsadresse

Villa offensiv
Hasselwerder Str. 38-40
12439 Berlin
Beratungsraum im Erdgeschoss (ausgeschildert)

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