Wie wir schon in unserem Newsletter berichtet haben, konnte das Team des Zentrums für Demokratie am 14. Mai zu einem ganz besonderen Konzert bewohnen. Die 93-jährige Auschwitzüberlebende und Sängerin Esther Bejarano stand mit der Band Microphone Mafia auf der Bühne des Köpenicker Jugendklubs Horn. Sie hat Lieder auf verschiedenen Sprachen gesungen, auf Deutsch, Französisch, Jiddisch und Italienisch. Das Publikum war von ihrer Stimme, Kraft und Energie sehr berührt. Ich konnte selbst meine Tränen nicht zurückhalten, als sie ein berühmtes Lied von Boris Vian, Le Deserteur, auf Französisch gesungen hat. Das Lied ist über einen Mann, der es verweigert, im Krieg zu kämpfen. Dafür schreibt er dem Präsidenten einen Brief, in dem er seine Entscheidung erklärt. Am Ende der Veranstaltung habe mich bei ihr bedankt, und sie hat mich umarmt. Diesen Moment werde ich nicht vergessen.

Ich möchte aber nicht länger über das Konzert schreiben, sondern über das Buch, das sie vor vier Jahren veröffentlicht hat...

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Dieses Buch „Erinnerungen - Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts“ entstand aus einem vergessenen Manuskript, der jahrelang in Esther Bejaranos Schlafzimmerschrank lag, nachdem sie in den achtziger Jahren ihre Erinnerungen zu Papier gebracht hatte.

Esther Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Esther Loewy geboren. Sie war die Tochter eines Oberkantors verschiedener jüdischer Gemeinden, und hat sich schon als kleines Mädchen in Musik und Gesang verliebt. In ihrem Buch erzählt sie unter anderen über ihre glückliche Kindheit, die sie mit ihren drei Geschwistern erlebt hat. Schon damals war sie klein, aber eben auch sehr energisch und humorvoll. Sie schreibt, dass ihr Vater immer zu ihr gesagt hat, dass sie „frech wie Oskar“ sei. Wenn man die kleine Frau Bejarano von heute sieht, fällt es nicht schwer, sich zu vorstellen, welche Art von kleinem Mädchen sie war. Sie erzählt dann über die allmähliche Verschlechterung des Lebens ab Mitte der Dreißigerjahre, wie ihre Geschwister, Freund*innen und Verwandten flohen, während sie und ihre Eltern in Deutschland blieben. 1943 deportierten die Nazis sie ins Konzentrationslager Auschwitz. Dort rettete ihr die Musik das Leben. Sie wurde Teil des berühmten Mädchenorchesters. In ihrem Buch schreibt sie über das Leben nach dem Krieg : zuerst einmal war da die Verweigerung, über ihr schreckliches Erlebnis zu sprechen, und weiterleben, arbeiten, singen, eine Familie gründen. Im letzten Teil des Buchs erzählt sie von der schwierigen Rückkehr nach Deutschland, dem Land der Täter*innen, und wie sie entschied, sich aktiv und mit Hilfe der Musik gegen Nazismus und alle Formen von Diskriminierung zu engagieren.

Das Buch ist ein Schatz, weil es eine direkte Zeugin der Schrecken des Nationalsozialismus schrieb, aber auch weil sein Stil klar und ohne überflüssigen Pathos die Erinnerungen einer jungen Frau zusammenfasst, die unglaublich mutig und kräftig war. Über die Kindheit zu sprechen, aber auch über das Leben nach dem Krieg zu schreiben, macht Esther zu einer außergewöhnlichen Frau, weil sie überlebt hat. Gleichzeitig macht es sie zu einer „normalen“ Frau, die eine schöne Kindheit hatte, und eine Zukunft erlebte. Sie erzählt davon, dass es dem Vernichtungslager und den Nazis nicht gelungen ist, sie als Mensch in ihrer Seele zu zerstören.

Die Kraft, die durch die Seiten des Buches dringt, ist besonders. Esther zeigt, wie sie sich nicht hat einschüchtern lassen, wie es ihr trotz der Erfahrungen im Konzentrationslager gelungen ist, ihr Leben weiterzuführen, zu lieben, eine Familie zu gründen, sich zu engagieren. Es zeigt, dass diese Kraft in jede*r von uns steckt.

Dieses Buch ist ein Zeugnis der Vergangenheit, das uns lehren kann, warum so etwas nie wieder passieren darf. Außerdem ist es ein großartiges Beispiel von Mut und Sieg über das Unglück für all diejenigen, die glauben, nicht die Kraft zu haben, ihre Träume zu leben oder sich für ihre Ideen zu engagieren. Wenn Esther Bejanaro es geschafft hat, dann ist es auch uns möglich.

Das Buch habe ich zu Hause und im Café gelesen, wodurch ich mit verschiedenen Leuten ins Gespräch gekommen bin und über diese beeindruckende Frau gesprochen habe. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Esther Bejarano, Erinnerungen – Vom Mädchenorcherster in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts, LAIKA-Verlag Hamburg 2013, 214 Seiten. 21€

Hier kannst Du das Buch bestellen: http://www.laika-verlag.de/allgemein/esther-bejarano-erinnerungen

Hier die weiteren Konzerte von Esther Bejarano und Microphone Mafia (nicht zu verpassen!) : http://www.maxivento.de/Live/Esther-Bejarano-40814.html

Dokumente und Downloads

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