Liebe Leserinnen und Leser,

Heute möchte ich euch ein zweites wunderschönes Projekt vorstellen, nämlich den Garten der Hoffnung im Allende II-Viertel in Köpenick. Dieser Gemeinschaftsgarten ist 2015 auf der Freifläche eines Containerdorfs für geflüchtete Menschen entstanden.

Ich habe mich unglaublich gefreut, mich mit den zwei Gründerinnen des Projekts, Petra Strachovsky und Brigitte Kanacher-Ataya (auch Gitti oder Fatima) zu unterhalten, die sehr großherzige, engagierte und spannende Frauen sind. Die Idee für den Garten kam ihnen, als sie erfuhren, dass eine Unterkunft in ihrem Viertel aufgebaut werden sollte.

Ich war zuerst mit Petra verabredet, die mich sehr freundlich im Garten empfangen hat. Im Laufe des Interviews kam Gitti dazu und wir haben zu dritt eine sehr schöne Zeit zusammen verbracht. Wir sind oft von den Kindern oder den jungen Bewohner*innen unterbrochen worden, die Petra oder Gitti etwas zeigen, oder ihnen von ihren Sorgen erzählen wollten. Das hat mir gezeigt, wie wichtig die Initiative ist: sie bringt Menschen aus verschiedenen Ländern, Sprachen und Generationen zusammen.

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© Initiative "Garten der Hoffnung/bustan-ul-amal"

Könntest du dich zuerst kurz vorstellen?

Petra – Ich heiße Petra Strachovsky. Ich wohne in Köpenick. Hier wurde ich geboren und arbeite als freie Journalistin. Zum Stadtgärtnern bin ich gekommen, als der Begriff Gardening noch nicht bekannt war. Ich gärtnere leidenschaftlich gern in der Freizeit, habe aber keine entsprechende Ausbildung. Im Laufe der Jahre habe ich eine Menge gelernt. Es ging mir dabei immer auch um Ausgleich zur Arbeit. Das geht bei mir am besten, wenn ich etwas in den Händen halte und hinterher ein konkretes Ergebnis sehe. Ich habe mich in Berlin nach Gemeinschaftsgärten umgeschaut und einen Gemeinschaftsgarten in Hellersdorf mitaufgebaut.

Wie bist du zum Allende II-Viertel gekommen?

P. – 2014 wurde durch Pressefunk und Fernsehen bekannt, dass hier in Köpenick im Allende-Viertel ein Containerdorf für Geflüchtete gebaut werden soll. Die Neonazis und die Rechtspopulisten waren sofort da. Es gab Demonstrationen und Kundgebungen gegen die Unterkunft. Bei einer dieser Kundgebungen habe ich Gitti wiedergetroffen, die ich von einem anderen Garten kannte. Wir haben uns überlegt, was wir zusammen machen können, um die Neuankommenden zu begrüßen, und ihnen zu zeigen, dass nicht alle Leute hier Idioten sind.

„Lass uns doch gärtnern!“, haben wir gesagt.

Das können wir beide, Gitti macht das nämlich beruflich! Kurz danach haben wir die neue Unterkunftsleitung kennengelernt. Die Unterkunft wurde im Februar 2015 eröffnet, und im März haben wir angefangen, die ersten Beete zu bauen.

Gitti setzt sich zu uns. Sie hat viele kleine Pflanzen mitgebracht, die sehr schön riechen.

Könnt ihr kurz den Garten der Hoffnung vorstellen?

P. – Das Gärtnern hat eine positive Wirkung auf der Psyche und Physis der Menschen. Urbanes Gärtnern bringt Leute zusammen, die ansonsten vielleicht keine Verbindung zueinander haben. Interkulturelles Gärtnern gibt es schon lange, in Berlin seit mindestens 20 Jahren.

Gitti – Wir haben uns in einem interkulturellen Garten kennengelernt!

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© Initiative "Garten der Hoffnung/bustan-ul-amal"

Was ist ein interkultureller Garten?

P. – Das ist ein meistens umzäuntes Areal, wo entweder ebenerdig oder in Hochbeeten Leute aus allen möglichen Ländern zusammengärtnern. Meistens sind diese Beete privat, die entweder kostenlos genutzt werden können, oder für eine symbolische Miete. Leute, die in der Stadt wohnen, treffen sich dort. Sie kennen sich vorher nicht, aber sie haben ein gemeinsames Interesse. Wir, Gitti und ich, haben überlegt ob wir das so Gelernte nicht auch auf dem Gelände einer Unterkunft für geflüchtete Menschen umsetzen könnten. Wir hatten das Glück, dass unsere Idee dem Peter Hermanns sehr gefallen hat.

G. – Beim ersten Treffen war er noch nicht mal im Dienst und schon dabei. Das fand ich klasse! Wir konnten unsere Idee kommunizieren, und er hat uns gleich unterstützt.

P. – Wir sind nicht mit 50 oder 100 Nachbar*innen angekommen und haben gesagt: „Wir bauen euch ein Garten hin. Hier habt ihr 20 Hochbeete.“ Wir wollten Stück für Stück und langsam den Garten mit den Bewohner*innen entwickeln. Wenn du Menschen einfach etwas vorsetzt, dann fühlt sich am Ende keiner mehr verantwortlich, und nach einer Weile ist alles verlassen. Deshalb wollten wir es lieber langsam angehen.

Wie waren die ersten Kontakte mit den Bewohner*innen der Unterkunft?

P. – Die Geflüchteten, mit denen wir zusammen die ersten Pflanzflächen angelegt haben, wohnen glücklicherweise nicht mehr hier, sondern in ihren eigenen Wohnungen. Einige sind leider in ihre Heimatländer zurückgeschickt worden. Die Anbaufläche wächst langsam, und das Vertrauen der Bewohner*innen zu uns Verrückten wird auch langsam größer.

50 Prozent der Zeit, die wir hier verbringen, ist quatschen, Kaffee trinken, zuhören, Sachen recherchieren und nebenher wird auch gegärtnert.

Gärtnern selber ist generell nicht unbedingt ein Spitzenthema für Leute, die hier ankommen. Sie haben erst einmal andere Sorgen. Aber viele Leute hatten zuhause selbst einen Garten oder einen Hof und bringen landwirtschaftliche Erfahrung mit.

Was passiert, wenn der Winter kommt?

P. – Im Winter, wenn es nichts zu gärtnern gibt, kommen wir trotzdem und halten den Kontakt, helfen beim Deutsch lernen, malen und basteln für die Kinder.

Wer besucht euch am meisten im Garten?

P. – Zuerst kommen die Kinder mit großen Neugier und Freude, und große Feinfühligkeit für die Pflanzen. Das ist nicht nur hier so, sondern in allen interkulturellen Gartenprojekten auf den Geländen von Unterkünften. Viele Kinder kennen sich auch aus, weil die Eltern oder die Großeltern im Heimatland einen großen Garten hatten, der richtig viel Arbeit gemacht hat. Die Kinder machen nichts kaputt. Danach kommen die Männer. Sie sind ganz begeistert, wenn es etwas zu bauen gibt.

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© Initiative "Garten der Hoffnung/bustan-ul-amal"

Kommen auch Frauen, um zu gärtnern?

P. – Frauen sind relativ schwer zu erreichen. Meistens über die Kinder, oder weil sie zu Hause einen Garten hatten. Sie interessieren sich aber für den Garten und stellen interessante Fragen:„Was wächst denn da? Kann man das essen? Wer darf das ernten?“

Welche Sprache sprecht ihr, wenn ihr gärtnert?

G. –Deutsch, und wenn die Kinder frech sind, Arabisch (lachen). Dann hören sie sofort zu.

P. – Wir sprechen grundsätzlich Deutsch und mit Händen und Füßen, mit dem Herzen und mit den Augen. Manchmal sprechen wir Englisch. Ich versuche ein bisschen Arabisch zu lernen.

Was pflanzt ihr an?

P. – Gemüse, Kräuter, Obst - alles essbar. Die Kinder wünschen sich Blumen.

G. – Was du essen kannst, gibt dir ein Gefühl von Zuhause.

P. – Am liebsten natürlich Bananen (lachen). Wir sollten vielleicht mal über klimatische Bedingungen in Deutschland sprechen.

Kocht ihr manchmal zusammen?

G. – Wir haben verschiedene Feste gehabt, zum Beispiel Erntedankfest. Einmal haben wir unsere Kartoffeln geerntet und gekocht. Das ging zwar schief, aber es waren unsere Kartoffeln! (lachen)

P. – Ja, kochen und essen ist wichtig. Für das Erntedankfest unterstützt uns immer die evangelische St. Laurentius-Kirchgemeinde aus Köpenick. Sie sammeln Ende September Erntedank-Spenden für ihren Erntedank-Gottesdienst. Einen Teil dieser Lebensmittelspenden bringen sie den Bewohner*innen der Unterkunft. Daraus hat sich ein Erntedankfest entwickelt. Die Leute verschwinden in den Küchen und nach einer oder zwei Stunden, Überraschung, kommt alles auf dem Tisch. Unsere eigenen Erträge reichen nicht, sie sind mehr symbolisch.

Letztendlich, was bedeutet für euch das Wort Integration?

P. – Ich bin nicht einverstanden damit, was unter dem Label Integration läuft, weil es ein Prozess ist, der eigentlich nur Unterordnung meint. Jede*r neue Nachbar*in habe sich unterzuordnen. Ich möchte keine Helferin sein, die irgendwelchen Benachteiligten aus der Not hilft. Das ist Paternalismus. Das lehne ich ab. Im Gegenteil bedeutet Integration für mich, wenn sich Menschen einander annähern, ohne sich der eigenen Identität aufzugeben. Du darfst du selbst bleiben.

G. – Ganz einfach Begegnung.

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In der Mitte stehen Gitti und Petra ! © Initiative "Garten der Hoffnung/bustan-ul-amal" 

Um mehr über dieses Projekt zu erfahren, oder um die Neuigkeiten zu bekommen, kannst Du gerne die Webseite oder die Facebook-Seite des Gartens besuchen. Petra und Gitti antworten sehr schnell auf die Nachrichten, auf Facebook oder über diese Email-Adresse: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Wenn Du Lust darauf hast, vorbeizukommen, der Garten ist jeden Freitag ab 15 Uhr geöffnet.

http://www.garten-der-hoffnung.net/

https://www.facebook.com/gartenderhoffnung/

 

Dokumente und Downloads

Zusätzliche Informationen und Handreichungen finden sich hier.

Kontakt

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Telefon: 01577 3151 386
E-Mail: interaxion@offensiv91.de

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